Umgang mit der Angst vor Leistung

Viele Menschen, die früh zu Leistung erzogen wurden, neigen dazu immer noch so mit sich zu sprechen wie es damals Trainer und Eltern taten. Eine Klientin, die ich seit einiger Zeit coache, war als Kind im sportlichen Leistungskader Deutschlands. Sie ist inzwischen nicht mehr im Leistungssport und beruflich sehr erfolgreich. Doch wann immer sie heute eine große Herausforderung vor sich hat: bleibt ihr die Luft weg, sie fühlt sich schwach und bringt dann auch wirklich keine Leistung. Bevor die Luft wegbleibt, ist jedes Mal diese große Wut auf sich und auf die anderen, über ihre Schwäche und darauf, dass die anderen besser sind. Sie ohrfeigt sich selbst. 

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Im Hochleistungssport geht eine Tür zu, wenn du nicht gut genug bist am Tag X. Und diese Angst ist geblieben. Diese Angst haben viele Menschen. Angst ist ein Automatismus, der auf der erlebten Vergangenheit basiert: ein Modus, der keine Logik versteht. Wenn wir die Angst verringern wollen, braucht es den Mut, sich neuen Erfahrungen zu stellen, die zeigen, dass es im Heute anders sein kann, dass es Freude machen kann und dass Fehler zum Besserwerden dazu gehören. Vor allem aber braucht es mentale Unterstützung. 

Ich bat sie. „Stell dir vor, du triffst ein Kind auf einem 10 Meter Brett, das gerne springen möchte. Das Kind hat Angst, als es da oben steht und nach unten schaut. Es traut sich nicht mehr. Und wartet. Beim Zögern wird die Angst noch größer, es atmet schwer, ist wie erstarrt. Wird es springen, wenn du ihm eine Tracht Prügel androhst?“ 

Meine Klientin überlegt, dann sagt sie: „Vielleicht, aber dann wird es wohl das letzte Mal auf dem Sprungbrett gewesen sein. Das Kind wird es hassen.“

„Kannst du das Kind unterstützen?“ 

Auf meine Fragen hin, erinnerte sich die Klientin im Coaching an einen Trainer aus ihrer Jugendzeit, der anders war. Er sagte ihr schon vor dem Rennen, dass sie richtig gut ist. Ihre Leistung war an der Seite dieses Trainers deutlich stabiler und besser. „Siehst du den Zusammenhang zu heute?“, fragte ich. Sie war nicht sicher. „Könntest du so mit dir reden, wie dein damaliger Trainer mit dir?“ – „Was soll ich mir denn sagen?“-fragte sie skeptisch. Da genau lag das Problem, sie hatte bisher keine Variante zur Wut. Ich antwortete: „Mentale Stärke hat viel mit deinen Selbstgesprächen zu tun. Willst du dich weiter ohrfeigen? Das hat ja nicht so gut gekappt bisher. Bei dir klappt es genauso wenig wie bei dem Kind auf dem Sprungturm…“

„Wie würdest du das Kind zum Springen motivieren?“, fragte sie mich.

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Ich überlegte. „Das Kind, das ich im Kopf habe, braucht Aufmunterung. Ich werde irgendwas erzählen, das es zum Lachen bringt. Und dann werde ich es an die Hand nehmen und mit ihm springen.“

„Klingt gut“, sagte meine Klientin, „das könnte klappen. Aber dann kommen, die Sorgen, was wenn es nicht klappt?“ Und wir spielten für ihre Situation die Sorgen und Worst Cases durch. Die Wahrscheinlichkeiten dafür, dass es zum Worst Case kommt, waren sehr gering. Viele Sorgen konnten wir ausräumen. Angst können wir auch ernstnehmen und zu Ende denken: wie viel davon tritt ganz analytisch gesehen (bis hin zu Prozentzahlen) wirklich ein?

Meine Klientin hat eine Hausaufgabe: sie nimmt den Trainer von damals, der die richtigen Worte für sie fand, auf ihrer Schulter mit in die nächste Herausforderung. Und wenn sie für sich selbst noch nicht die richtigen Worte parat hat, dann fragt sie einfach ihn…

(Idee zu diesem Coaching in Anlehnung an das Buch von Dan Katz: Angst kocht auch nur mit Wasser: Wie wir durch Denken in Bildern negative Verhaltensmuster durchbrechen können, Kopp Verlag, 2019)

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