Mitreißen statt entzweien – mit der richtigen Ansprache

Eine wundervolle Wissenschaftlerin, die ich als Coach begleiten darf, bat mich, sie bei der Vorbereitung eines internationalen Workshops von renommierten Wissenschaftlern zu unterstützen. Sie wirkte erschöpft und frustriert, da von Zusammenhalt und gutem Spirit unter den Wissenschaftlern zuwenig zu spüren war. Als Organisatorin wünschte sie sich mit einem PEP-Talk (=Motivationsrede) die Gruppe zusammen zu schweißen. 

PEP-Talks sind aus dem Sportbereich bekannt, wenn etwa Trainer das Team motivieren. Mittlerweile werden PEP-Talks auch im Business Bereich beliebter, um Menschen zu einem gemeinsamen Ziel zu aktivieren. 

Wie baute ich die Grundstruktur für den PEP-Talk mit meiner Klientin auf? Nachfolgend zeige ich unsere Schritte.

 


1. Überlegen Sie, was die anwesenden Personen zu Beginn des Treffens wirklich brauchen.

Ich fragte meine Klientin: Was sind vermutlich die Gedanken und Gefühle der Anwesenden zu Beginn des Workshops?

Sie antwortete:

  • natürlich auch Neugier 
  • vorab war auch Neid zu spüren
  • suchen vielleicht unbewusst nach Fehlern / Schwachstellen beim anderen

 

2. Versuchen Sie nicht, Ihrem Publikum diese Gefühlen abzusprechen.

Wir wollten also nichts wegreden, sondern akzeptieren, dass diese Gefühle bei Menschen zur Natur gehören und da sein können.

Ich hatte für meine Klientin einen wissenschaftlichen Beitrag herausgesucht zum Thema Neid: Für Neid gibt es in der japanischen Sprache zwei Begriffe: 

urayami = gutartiger Neid

netami = bösartiger Neid. 

Laut Studien* spüren Menschen (kulturunabhängig) bösartigen Neid, wenn sie selbst nicht glauben, dass sie das gleiche schaffen können. Gutartiger Neid entsteht, wenn uns andere motivieren, das auch erreichen zu wollen. Im Fall von gutartigem Neid wird der beneideten Person Wertschätzung gezeigt. Das Thema Neid passte zur Haltung der Gruppe sehr gut, doch auch inhaltlich zum Thema des Workshops. Also entschied sich meine Klientin, diesen Beitrag über Neid im Verlauf des Workshops mit der Gruppe zu teilen. Und so ein unbewusstes Umdenken anzuregen. Die Idee: bei der Diskussion des Fachlichen kann gleichzeitig eine Sensibilisierung für die eigene Haltung stattfinden.

3. Sobald diese Gefühle anerkannt sind, arbeiten Sie daran, das Vertrauen untereinander zu stärken.

Im PEP-Talk konzentrierte sich meine Klientin auf diese Punkte: 

Worin liegen unsere gemeinsamen Interessen und Kompetenzen? Sie zählte sie auf, indem sie die anwesenden renommierten Teams je Universität beim Namen nannte und deren Kompetenzen hervor hub. Jedes Team ist sehr fähig mit soviel Knowhow! Wieviel kann gemeinsam erreicht werden! Worin liegen die Win-Win Situationen? Und genau das hob sie hervor.

4. Hüten Sie sich vor der Falle, unaufgefordert Ratschläge zu geben. 

Ein stets wichtiger Punkt in Motivationsreden: keine unerbetenen Ratschläge geben! Wie auch im Coaching, darf die Gruppe den individuellen Weg selbst finden.

5. Minimieren Sie die Situation jedes einzelnen nicht.

Genau das berücksichtigte meine Klientin, sie wertschätzte und verstand, dass Neid zum Menschsein (leider) dazu gehört, doch daraus etwas positives entstehen kann, wenn sie die richtigen Worte in der einleitenden Ansprache als Organisatorin findet. 

6. Stellen Sie sich im PEP-Talk nicht in den Mittelpunkt.

Meine Klientin zog die beiden renommiertesten Wissenschaftlerinnen des Workshops ins Vertrauen, dass es auch darum geht, Neid abzubauen. So konnten sie zu dritt als Role-Model eine andere Haltung zeigen. Offen und neugierig für jeden Beitrag im Team – statt auf sich und den eigenen Vorteil bedacht.

Wie ging es weiter?

Den PEP-Talk hat darauf aufbauend meine Klientin alleine geschrieben, ich habe nur drüber gelesen. Der Text war wundervoll wertschätzend formuliert. Es brauchte keine weiteren Anregungen von mir.

Das Ergebnis dieses 2-tägigen Workshops teilte sie mir danach mit – um 0:28 Uhr erhielt ich eine mich motivierende Email… 

„Nur ganz kurz, bevor ich ins Koma falle:

Es lief SUPER die letzten beiden Tage. Alle zufrieden, viel Lob eingeheimst, noch mehr gelernt bei der ganzen Sache und am wichtigsten: Spaß dabei gehabt. Zu dritt waren wir ein dream team. Ich glaube, das kann man wirklich so sagen. (…)

Ich danke dir für deine mega Unterstützung von ganzem Herzen. Ohne dein Geschick, die Situation meisterlich zu kalibrieren und ohne deine Motivation und deinen Glauben an mich hätte ich nicht einmal angefangen, den Workshop zu planen….geschweige denn, das alles online durchzuziehen.“

 

Meine Quellen in Vorbereitung des Coachings:

A. Bierstedt: Gute Neider, schlechte Neider, in Gehirn &Geist, 05_2021, 

How to give a better PEP-Talk in https://forge.medium.com/how-to-give-a-better-pep-talk-92646d653405

Bildquelle:

Hintergrund zu den Fotografien von Andy Astfalck: er hat mich in Utah bei einem ASICS Event fotografiert. Als Mental Coach durfte ich Profi-Athlete und Amateure in Salt Lake City motivieren, an diesem einen besonderen Tag so lange zu laufen wie sie können. (Ohne Kilometer, Zeit und Pace zu kennen). Mehr dazu lesen hier: Was machen Sie, wenn Ihnen das Ziel vor Augen fehlt?

2 Antworten auf „Mitreißen statt entzweien – mit der richtigen Ansprache“

    1. Wie wundervoll, liebe Sabine, ich sehe das jetzt erst und freue mich so über dein Feedback! Juhu! Hab einen tollen Tag.

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