Human Brand zu verschenken?

Fotograf: Marco Verch; aufgenommen auf einer Pressereise in Finnland/Lahti 2019

Eine Kolumne zu #equalpay #influencer und #frauennetzwerken

„Sie wurden uns als Human Brand genannt!“ schwärmt die freundliche Agentur-Dame am Telefon und setzt gleich nach, dass mein veröffentlichtes Buch und mein Instagram Account zeigen, was für eine starke Frau ich bin. Und wie authentisch ich sei, und genau solche Frauen braucht es natürlich für die Podiumsdiskussion. Da suchen sie starke Frauen, die zum Thema Equal Pay mitreden. Klar ist das ein Thema, das mich interessiert (kann das irgendeine Frau nicht interessieren?) und klar fühle ich mich geehrt, „Human Brand“ klingt spitze. Höre ich zur Zeit häufiger. 

    „Ist das alles nur Taktik?“, frage ich mich: meine Follower Zahlen sind noch überschaubar, mein Buch-Absatz läuft, glaube ich, ganz gut (ich habe noch keine aktuellen Zahlen vom Verlag, ist also eher so ein Bauchgefühl) und meine potenziellen Kooperationspartner steigen, weil ich „so authentisch“ bin. Klingt doch super. 

    Es gibt nur einen Haken bezüglich der Podiumsdiskussion: ich habe an dem Tag schon was vor. Wobei, wenn das Honorar stimmt…oder würde ich es ohnehin machen, wenn ich Zeit habe? Ich überlege, wo liegen meine Prioritäten: als Selbstständige endlich mal wieder einen Sonntag ohne Arbeit oder ist es mir dieses Thema wert – mit und ohne Honorar? „Darf ich fragen, ob es Honorar gibt und wie hoch das ist?“, frage ich. Eigentlich ein Unding, das ich überhaupt frage, ob es für eine geleistete Arbeit Honorar gibt, oder? Und das ist ja auch unabhängig von Mann oder Frau. Die meisten schmeichelhaften Einladungen zu Podiumsdiskussionen, die ich „als starke Frau“ oder „Influencer“ erhalte, sind unbezahlter Natur, oft auch Anfragen zu Vorträgen. Stets mit der Begründung, das ist ja auch Marketing für dich. Die Auftraggeber? Dahinter stehen auch Engagements oder Netzwerke für Frauen. 

    Es gibt kein Honorar. Leider zuwenig Budget. Es tut der Dame am Telefon selbst sehr leid. Mache ich es dennoch, schließlich ist das Thema ja so wichtig? Jedes Mal stelle ich mir die Frage, wenn es um wichtige Themen geht. Doch das würde bedeuten, ich predige etwas, was ich selbst nicht für mich durchsetze. Der Gedanke bleibt nach dem Telefonat in meinem Kopf. Meine Überlegung:  Wenn ich gute Arbeit als Coach oder Business Trainer leiste, dann ist das auch Marketing für mich: meine Klienten zahlen mich und empfehlen mich weiter. Sie kommen nicht auf die Idee, aufgrund dessen mein Honorar nicht zu überweisen. Oder stellen Sie sich vor, ein Arbeitgeber erklärt seinem Angestellten, ab jetzt kein Gehalt mehr zu zahlen, dafür aber ein sehr gutes Zeugnis für ihn zu schreiben: ist doch gutes Marketing für ihn…

    Wir sind beim (Gender-) Geiz nach wie vor auf der Holzspur. Ich möchte alle Frauennetzwerke und Agenturen nicht anklagen, vermutlich sind meist die dahinterstehenden Auftraggeber oder Sponsoren nicht bereit, mehr in ein Event zu investieren. Dann ist es aber ein Betrug an der Botschaft, die nach außen getragen wird. Ja indirekt wird damit womöglich sogar die Ungleichheit verfestigt.

    Wie ironisch ist das, wenn wir vordergründig über Equal Pay, weibliche Human Brands oder Frauenpower sprechen und „hinter den Kulissen“ kein Honorar für die angeblich so starken Frauen fließt? Sind wir Frauen dann etwa egoistisch und eigennützig, wenn ihr es ablehnen, auch wenn es einem wichtigen Thema dient? 

    Wenn ich als starke Frau, die von ihrer Selbstständigkeit lebt, etwas bewirken will, dann muss ich Aufträge ablehnen, die in diese Richtung gehen. 

    Und wann ist denn eine Frau überhaupt stark oder schwach, das ist ja selbst ein Klischee. Denn das, was wir nach außen tragen, ist ja doch nur ein kleiner Teil von unserer Persönlichkeit…der auch fehlinterpretiert werden kann. Ich habe auf eine Instagram Story zum Beispiel zwei komplett konträre Reaktionen zum selben Inhalt erhalten: während eine Frau es als sehr empfindsam und zerbrechlich empfand (und mir empfahl es zu löschen), fand es eine andere Frau (im Vorstand eines Konzerns) sehr mutig. Letztlich ist vieles Bewertung und Interpretation durch den Empfänger, was uns zur Human Brand macht oder nicht. Es bleibt also nur eines: den Weg zu gehen, der sich beim Blick in den Spiegel noch gut anfühlt. 

    Der bekannte Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Zizek zitiert in seinem Buch „Der Mut der Hoffnungslosigkeit“ eine berühmte Gedichtzeile von Friedrich Hölderlin. Dabei kehrt er aber Haupt- und Nebensatz um in: „Wo aber das Rettende ist, wächst die Gefahr auch.“ Er spricht dabei über das Internet. Ich glaube das gilt auch für Frauen-Netzwerke und Veranstaltungen zu diesem Thema: wir brauchen Mut, um die Gefahr im Gutgemeinten zu erkennen.

    Quelle: Zizek, S. (2018): Der Mut der Hoffnungslosigkeit, S. Fischer Verlag

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